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Worte fliegen von Kontinent zu Kontinent

Ein virtuelles Gespräch über eine reale Gitarrenwelt

Wenn der Herausgeber dieser Zeitschrift manchmal etwas sehr viel von den Schwaben oder Schotten gelernt hat und den Flug nach Amerika und die Aufenthaltskosten für ein längeres Gespräch partout nicht finanzieren will, muß man sich halt etwas anderes überlegen.

In früheren Zeiten hätte man einen Brief geschrieben und drei Wochen gewartet, bis der Brief beim Partner angekommen ist. Der musste sich hinsetzen und die Antwort formulieren. Wieder drei Wochen warten. Dann endlich konnte man die Antwort lesen und den Briefwechsel fortsetzen. Ein mühsamer Akt, der einem oft vergessen ließ, was eigentlich das Thema war.

Manchmal haben die neuen Medien ihren Vorteil: Wenn ich heute eine Email schreibe, ist sie ein paar Sekunden später beim Empfänger, der zu dieser Zeit noch schläft. Aber wenn er aufwacht, kann er seine Antwort formulieren und sie zurückschicken. Diese kommt natürlich aus den USA genau dann an, wenn ich noch schlafe...

Aber immerhin, in Abwandlung eines englischen Spruches: A letter per day, keeps the doctor away. Obwohl ein Rest von Unbehagen bleibt: Ein richtiges Gespräch, wo man sieht und hört wie der Partner reagiert, ist durch nichts zu ersetzen. Vielleicht muß ich doch noch mal mit dem Herausgeber reden ...

Stanley Yates, ein Englishman in den USA

Hajo:

Klassische Konzerte sind oft ausverkauft, aber man sieht fast keine jungen Menschen. Bei Gitarrenkonzertenhat man zusätzlich das Gefühl, sich in einer geschlossenen Gesellschaft zu befinden. Wie sind Deine Erfahrungen? Ist die klassische Musik bei jungen Menschen endgültig auf dem Altar der Pop/Rockmusik geopfert worden?

Stanley:

Dies ist eine sehr gute Frage. Nach meiner Erfahrung setzt sich das Publikum von Solo-Gitarrenkonzerten in Europa und in den USA aus Menschen aller Altersstufenzusammen. Dabei sind junge Leute stärker vertreten. Bei traditionellen klassischen Konzerten (Oper, Orchester-, Kammermusik, etc.) sieht es etwas anders aus. Hier trifft man auf weniger junge Zuhörer. Und dies auch wenn die Gitarre als Instrument vertreten ist. Der Grund liegt teilweise im eher traditionellen Klima dieser Konzerte, die ein etabliertes und konservatives Flair verbreiten. Auch darf man die höheren Eintrittspreise nicht vergessen!

Wenn ich Konzerte in großen Sälen mit den entsprechenden höheren Kosten gebe, sind dort meist weniger junge Interessenten zu entdecken.

Ich stimme zu, daß das klassische Gitarrenpublikumzu einer Nischenbildungtendiert, aber dies tun doch die Zuhörerschaftenanderer Musikstileebenso. Es ist meiner Meinung nach unausweichlich, daß jede Spezialisierung in der Musikrichtungnur noch ein eingeschränktes Publikum anspricht. Man kann nicht populärere Musikformenfür diese Entwicklung verantwortlich machen. Es liegt in der Natur der Sache. Außerdem gibt es die terminologische Schwierigkeit bei den Begriffen "klassische" Gitarre und "klassische" Musik, die etwas altes und bourgeoisesandeuten.

Hajo:

Klassische Musik kann man nur mit entsprechender Vorbildung "verstehen" und in ihren ganzen Schönheit "hören". Du hast in deinen neuesten Editionen sehr viele "einfachere", traditionelle Musikstücke auch aus dem Bereich der Folklore aufgenommen. Kann man dies als eine Anpassung an die Realität interpretieren, in der das Wissen über komplexe Kompositionsformenund deren Analyse im Verschwinden begriffen ist?

Stanley:

Es ist keine Anpassung, es ist nur die andere Seite der Medaille. Es ist schon wahr, daß es sehr lange dauert bis man einen anspruchsvollen musikalischen Stil würdigen kann. (Man muß vielleicht sogar vom Hörer erwarten, das er sich mit dieser Musik intensiver auseinandersetzt.) Aber das ist bei Bach genauso der Fall wie bei Miles Davis. In meinen letzten Editionen, zumindest bei denjenigen die für die Eingangsstufenkonzipiert wurden, wurde leichter zugängliches Material verwendet, um dem Studenten einen leichten Einstieg zum Instrument zu geben und die Entwicklung der Spieltechnik zu fördern. Ich glaube, daß Lernen Spaß machen und befriedigen soll. Außerdem sollte der Student in jedem Stadium seiner Ausbildung mit einer möglichst großen Vielfalt an Stilen konfrontiert werden. Dabei ist natürlich der technische Stil des Studenten (Elektrisch, Klassisch, Steel-String), das technische Niveau und die theoretische Musikausbildungzu berücksichtigen. Das Lehrmaterial, das ich herausgebe enthält auch das traditionelle Repertoire, frühe Musik und Musik des 19. Jahrhunderts.

In meinen früheren Editionen - ich denke dabei an die Bach und Albeniz Editionen sowie an die klassisch-romantischen Sonaten an denen ich in den letzten Jahren gearbeitet habe- wurden historische Stile im Detail untersucht und hatten als Zielgruppe den ernsthaften Studenten oder sogar den professionellen Spieler. Es war der Versuch dem ernsthaften Gitarrenspieler Materialien anzubieten, die zum Beispiel für einen Klavierstudentenselbstverständlich sind. Aber mit dieser Vorgehensweise stehe ich nicht alleine. Auf der anderen Seite ist es evident, daß nur wenige Studenten den schwierigen Weg zu den höheren Ebenen der musikalischen Analyse, historischen Stilen, zeitgenössischen Musiksprachenetc. durchhalten. Und das war schon immer so. Menschen beschäftigen sich aus einer Vielzahl von Gründen und Zielen mit der Gitarre.

Über die Gitarre hinaus bildet heute die wechselseitige Befruchtung von klassischer Technik und Kompositionmit populärer und "Welt"-Musik eine breite musikalische Bewegung. Ich glaube, es wäre sehr töricht, wenn wir - besonders als klassische Gitarristen - diese Bewegung ignorieren würden, da wir uns sonst sehr leicht außerhalb des "Mainstreams" wiederfinden würden. Ein Instrument muß für seine Zeit relevant bleiben. Wenn man sich die "Contemporary Guitar Anthology I" (Mel Bay) betrachtet, wird man entdecken, daß alle Musik "komponiert" wurde. Wir können dies durchaus als Synonym für Klassik nehmen. Und trotzdem ist die musikalische Sprache sehr breit: Von "traditioneller" Atonalität und gemäßigter serieller Musik bis zu keltischer, populärer und osteuropäischer Musik.

Ich glaube wir erfahren heute aus musikalischer Sicht eine interessante Mischung von extremer Spezialisierung - Musiker, die nur Gregorianische Gesänge, frühe Gitarrenmusik aus dem 19. Jahrhundert oder 1930er Texas Swing etc. spielen- verbunden mit einer breiten Streuung und Integration gegensätzlicher musikalischer Stile - eine künstlerische Antwort auf unser Informationszeitalter.

Hajo:

Das Standard Repertoire für klassische Gitarre ist sehr traditionell geprägt und moderne klassische Musik wird nur sehr zögerlich akzeptiert. Auf der anderen Seite hast Du die "Contemporary Guitar Antology" herausgegeben. Was sind Deine persönlichen Präferenzen bezüglich der Gitarrenmusik, oder anders gefragt: Verstehst Du es als Auftrag, auch modernere, nicht leicht verständliche Gitarrenmusik in das Repertoire einzuführen?

Stanley:

Gleichgewicht ist in allen Dingen gefragt. Ich persönlich ziehe Musik die in unserer Zeit geschrieben wurde vor. Als ausübender Künstler habe ich immer eine starke Verbundenheit zur zeitgenössischen Musik empfunden und diese entsprechend oft aufgeführt. Aber im Sinne eines breiteren Ansatzes mag ich ältere Musikstile genauso. Es macht mir Spaß abwechslungsreiche oder auch Konzept-Konzerte zu präsentieren. Auf diesem Weg gelingt es mir ein breiteres Publikum zu erreichen und vielleicht einige Zuhörer durch die Darbietung zeitgenössischer Musik für diese zu interessieren. (Aber mir macht es genauso Spaß einem Verfechter moderner Musik auf den Geschmack zum Beispiel einer Sor Fantasie zu bringen.) Es gibt viele Dinge die ausbalanciert werden müssen - historisch, zeitgenössisch, der Geschmack des Publikums, die Wünsche des Veranstalters, meine eigenen Vorlieben, das Bekannte und das Neue. Ein Konzert sollte eine ausgewogene Mischung von verfeinerter Unterhaltung und künstlerischem Ausdruck, beides als Bestätigung und als Herausforderung auf die Erwartungen des Zuhörers sein.

Hajo:

Das originale Repertoire für die klassische Gitarre ist im Vergleich z.B. zur Klavier- oder Orchesterliteraturstark eingeschränkt. Du hast zwei sehr gute Transkriptionen vorgelegt. Was sind Deine Kriterien für Transkriptionen von Musik, die nicht für die Gitarre geschrieben wurden? Darf man mangels originaler Literatur andere "schöne" Musik für die Gitarre "annektieren"?

Stanley:

Ich glaube, daß das Arrangement von Musik, die für ein anderes Instrument geschrieben wurde, durchaus eine zulässige Aktivität ist. Allerdings muß das Arrangement einen neuen Beitrag zum Ausdruck oder der Interpretation der Musik liefern. Auf der anderen Seite sollten Transkriptionen nicht als Ersatz für das originale Repertoire der Gitarre erlaubt werden. Im Falle von Albeniz und den Cello-Suiten von Bach bin ich sicher, daß die Gitarre eine überzeugende Interpretation der Musik erlaubt. Zusätzlich haben sich diese Stücke zum Standardrepertoireder Gitarre entwickelt. Ich dachte, daß es eine gute Idee wäre, einen rigorosen Ansatz für diese Musik anzuwenden, da ich den Eindruck hatte, daß diese Musik in der Mehrheit der bisherigen Arrangements nicht besonders gut behandelt wurde. Ich wollte einen eindeutigen Ansatz zu jedem Grundgerüstder Musik entwickeln und diese auch als Einheit herausstellen. Ein weiterer Punkt war mein Wunsch den idiomatischen Charakter, den die Gitarre in die jeweilige Musik einbringen kann, herauszuarbeiten.

Es gibt heutzutage einige sehr überzeugende Arrangements für Gitarre (z.B. Stephen Aron: Chopin Mazurkas, Carlo Marchione: Telemann Fantasien, Claudio Giuliani: Scarlatti und Cimarosa). Aber es irritiert mich, daß Transkriptionen immer größere Beachtung finden, während die Originalliteraturfür die Gitarre weitgehend ignoriert wird.

Und es gibt einige sehr populäre, fast allgegenwärtige Gitarrenarrangements, die ich schrecklich finde. Als Beispiel möchte ich fast alle Gitarrenarrangements von Piazollas Musik nennen – Die Mehrheit dieser Transkriptionen scheinen die musikalische Idee bei weitem zu verfehlen-. Es ist gerade so, als wenn diese Arrangeure niemals Piazzolla mit seiner Tangoband gehört hätten. Obwohl diese Stücke bei Gitarrenvorträgenimmer wieder zu hören sind, hören wir kaum Aufführungen der originalen Musik die Piazzolla für die Gitarre geschrieben hat. So sei es noch einmal wiederholt: Auch hier muß die Balance erreicht werden.

Hajo:

Als Professor an der Austin Peay State University engagierst Du Dich bei der Ausbildung junger Gitarristen. In einem anderen Beitrag schriebst Du sinngemäß: Ein älterer Mensch kann sich nicht mehr zum Meistergitarristen entwickeln. Wie sollte der musikalische Weg eines angehenden Meistergitarristen bezüglich technischer und musikalischer Vorbildung aussehen?

Stanley:

Das Konservatorium sollte ein Platz sein, um seine Fähigkeiten zu verfeinern, nicht um das Basiswissen zu lernen. Ich kann nicht genau sagen, wie lange ein Student spielen sollte bevor er ins College eintritt. Es hängt sicher vom Individuum ab, aber klar ist: Je länger je besser. Aber damit ist ein grundsätzliches Problem bei der Gitarre angesprochen, da nur sehr wenige Studenten früh genug zu diesem Instrument finden und es dann weiter spielen. Andere Instrumentalisten fangen viel früher an. Es ist das Resultat unserer gitarristischen Kultur. Die Studenten kommen oft über andere Stile zur klassischen Gitarre. Sie beginnen nicht mit der gitarristischen Technik. Sie verbringen einen großen Teil ihrer Zeit mit großen Enthusiasmus mit Dingen, die viel früher internalisiertwerden sollten. Ich glaube es gibt keinen Ersatz für die äußerste technische Sicherheit, die man durch das Spielen in sehr, sehr jungem Alter gewinnt. Ich denke dabei an Williams, Barrueco, Romero, etc.

Hajo:

Wie war es bei Dir?

Stanley:

Ich begann verhältnismäßig spät ( in meinen Jugendjahren) und mußte sehr hart arbeiten, um den späten Anfang zu kompensieren. Glücklicherweise hatte ich einige der notwendigen natürliches Stärken und zu dieser Zeit auch die die notwendige Belastbarkeit. Idealerweise sollte eine Person die die Karriere eines Konzertgitarristenanstrebt, eine voll ausgearbeitete Technik besitzen und sollte schon über ein tragfähiges Repertoire verfügen bevor sie das College betritt. Wenn diese Vorausbildung bei einem guten Lehrer stattgefunden hat, wird auch eine grundlegende musikalische Ausbildung vorhanden sein. Ich würde sagen, daß der beste Weg dies zu festzustellendarin besteht, mit welcher Leichtigkeit neues Repertoire und Ideen aufgenommen werden können. Die Vorstellung, daß ein Student ein ganzes Semester oder länger damit verbringt einige Standardstückeeinzuüben erscheint mir schon fast tragisch. Das Ziel eines Studiumszum Konzertgitarristen kann man auf einen Punkt bringen: die Aufführung. Ich ziehe es vor, daß meine Studenten sehr viel neues Material aufführen. Ich halte dies für den einzigen realistischen Weg einer Künstlerkarriereund ziehe diesen Ansatz auch für weniger erfahrene Studenten vor. Der einzige Unterschied besteht darin, daß das Repertoire, das sie spielen, etwas leichter ist.

Hajo:

Wo liegt der Fokus der Gitarristenausbildungan Deiner Universität?

Stanley:

Mit "Aufführung" meine ich den tatsächlichen Akt des Vortrages. Das Studium des Vortrags befaßtsich mit der Vorbereitung, dem Weg auf die Bühne, dem Spiel und den psychologischen Vorgängen die damit verbunden sind. Nicht zu vergessen sei die wichtige Frage: Wie komme ich zu einem Engagement? Trotz der offensichtlichen intellektuellen Aspekte des musikalischen Trainings meine ich, daß das Studium der Vortragskunst im wesentlichen praktische Elemente enthält, so wie die Ausbildung zu einem Handwerks- oder Gewerbeberuf.

Das traditionelle Curriculum eines Konservatoriums erscheint mir etwas auf den Kopf gestellt. Es gibt eine Vielzahl akademischer Studien, aber wenige Möglichkeiten zum Konzertvortrag.Es ist so, wie wenn man einen Maler ausbilden würde, indem man ihn sehr viele theoretische Beschreibungen machen läßt und ihn weniger wirklich malen läßt. Deshalb glaube ich, daß ein Student, der Konzertgitarristwerden will, schon einen sicheres musikalisches und technisches Fundament besitzen muß.

Mein wichtigstes Lernziel ist: Ich möchte, daß der Student seine Musikalität und seine Individualität entdeckt- oder: Er muß sich zum Künstler entwickeln. Nur wenn er diesen Punkt erreicht, hat er das Selbstvertrauen und den Glauben an sich selbst, um eine überzeugende Vorstellung zu geben. Aber Studenten müssen diese Einschätzung selbst entwickeln. Es beginnt damit, das der Student eine spezielle Verbindung mit der gespielten Musik entwickelt und sich selbst mit dieser identifiziert. Ohne diese Verbindung ist die Aufführung nur eine mechanische oder athletische Aktivität. Diese Zielrichtung ist für die meisten Studenten verheerend, da deren Ziel auf eine akkurate Aufführung gerichtet und somit das Gefühl des Versagens unvermeidbar ist. Natürlich müssen Professionelle und Studenten im wirklichen Leben auch einmal Musik spielen, die wir nicht besonders mögen - aber aus diesem Grund müssen wir professionelle Spieler sein.

Hajo:

Da Du beide Seiten des Atlantiks kennst: Gibt es Unterschiede zwischen den amerikanischen und europäischen Ausbildungswegenzum Konzertgitarristen?

Stanley:

Ich sollte sagen, dass es zwölf Jahre her sind, seit ich die alte Welt verlassen habe und ich bin sicher, dass sich in der Zwischenzeit einiges geändert hat. Aber ich glaube es ist wahr, das in Europa Studenten früher mit dem Spiel beginnen und mit einer besseren Vorbildung ins Konservatorium kommen als in den USA. Auf den Hochschulen selbst ist die Situation überall vergleichbar: Es läuft auf die guten alten Kriterien hinaus: Die Qualität des Professorsund die Arbeitswut des Studenten! Heute gibt es besseres didaktisches Material, aber auch dies ist in der ganzen Welt verfügbar. Ich würde allerdings behaupten, daß in den USA das Hochschulrepertoiremanchmal etwas leichter als in Europa ist. Dies allerdings unter dem Vorbehalt, daß sich die Situation seit meinen Studententagen nicht wesentlich geändert hat. Sicherlich wird man einen Studenten eher Piazzolla oder Domeniconi spielen hören als Henze oder Takemitsu. Aber das ist vielleicht nur ein Zeichen unserer Zeit.

Hajo:

Wie beeinflussen sich Stanley Yates der Professor und Stanley Yates der Gitarrist und welche Wechselwirkungen gibt es mit dem Publikum?

Stanley:

Mir machen beide Rollen enormen Spaß, aber ich ich habe den Eindruck, daß diese doch getrennt sind. Die geistige Haltung ist anders. Ein Vortrag ist ein sehr individueller Vorgang: Musikalisch gebe ich meine Sichtweise mit möglichst wenigen Kompromissen wieder. Als Lehrer bin ich in gleichem Maße mit der Kunstfertigkeit des Studenten wie auch mit meinen eigenen Vorstellungen beschäftigt. Aber selbstverständlich gibt es bis zu einem gewissen Punkt auch einen Austausch zwischen den beiden Rollen

Ich spreche vor jedem Stück mit meinem Publikum und lasse sie so an meiner nicht-spielenden Persönlichkeit teilhaben. Ich glaube, daß einige wohlgesetzte Worte den Kontakt mit dem Publikum erleichtern. Dies hilft wiederum dem Publikum sich auf die Musik einzulassen, und dies besonders, wenn es sich um Musik handelt, die nicht so bekannt ist. Diese Vorgehensweise kommt wohl teilweise vom Lehrer in mir.

Ich hoffe, daß meine Erfahrungen bei Konzertauftrittenauch als Praxisaspektin meine Lehre einfließen. Ohne dies wäre es zu theoretisch. Ich kann mit meinen Instrument nicht nur demonstrieren, was ich meinen Studenten vermitteln will, sondern bin auch in der Lage ganz praxisbezogen meine Erfahrungen vermitteln, welche Dinge in einem Vortrag funktionieren und welche nicht. Sicherlich bin ich auch sehr daran interessiert, daß meine Studenten unsere gemeinsamen Interpretationen in eine musikalische Wirklichkeit, in Klänge übersetzen.

Hajo:

Erzähle uns etwas über die Eigenschaften deiner Gitarre. Gibt es Ansatzpunkte, von denen Du meinst, dass die Gitarre sich konstruktiv noch verbessern läßt?

Stanley:

Zuhörer haben mir gesagt, daß ich einen klaren Klang produziere und sie waren manchmal überrascht, daß ich Gitarren mit Zederndeckebevorzuge. Ich habe auf Zederngitarrenzu spielen begonnen und ziehe sie bis auf den heutigen Tag vor. Sicher besitze ich einige Fichtengitarren, obwohl ich sie nicht oft spiele. Eine Zederngitarre, mit einem angemessenen Klangfarbenspektrumist für mich ideal. Ich ziehe einen klares Anschwingverhalteneinem "dicken" Ton vor.

Im Gitarrenbau scheint der Schwerpunkt immer darauf gerichtet zu sein, die Gitarre lauter und klangvoller zu bauen. Ich bin nicht davon überzeugt, daß man ein signifikant lautere Gitarre bauen kann ohne die grundsätzliche Klangfarbe des Instrumentes zu verändern. Und auch dann ist der Lautstärkengewinnnur marginal. Ich glaube, daß die Zukunft der Liveauftrittein einer verfeinerten Verstärkung liegt. Ich wäre viel glücklicher, wenn die Gitarrenbauer genausovielAufmerksamkeit auf die grundsätzliche Gleichmäßigkeit des Ein- und Ausschwingensaller Töne schenken würden. Attack und Sustain sind sehr wichtig um eine musikalische Phrase zu gestalten. Auf der anderen Seite weiß ich nicht sehr viel über den Gitarrenbau und so sollte ich mich auch nicht zu sehr beschweren.

Hajo:

Sprechen wir noch über die Zukunft: Auf welche neuen Musikeditionen, CDs etc. dürfen wir uns freuen?

Stanley:

Ich habe gerade die Aufnahme einer neuen CD mit Musikarrangementsvon Lennon und McCartney beendet. Es sind sehr geradlinige Lieder der Beatles ohne Harmoniewechseloder ähnlichen Dingen. Tatsächliche lebte ich an der Ecke von Penny Lane und Greenbank Road in Liverpool. Deshalb hat mir dieses Projekt sehr viel Spaß gemacht.

Bei den neuen Editionen beende ich gerade zwei Bände von klassisch-romantischen Gitarrensonaten und weitere Bände des nach Spielstärken geordneten Repertoires. Weiterhin bereite ich Editionen von drei frühen Gitarrenkonzerten (Vidal, Doisy und Viotti) vor, die bei Artaria Editions, einer Gesellschaft, die sich auf Orchestermusik des 18. Jahrhunderts spezialisiert hat, erscheinen. Es gibt auch Pläne diese Stücke auf CD einzuspielen, aber ein Zeitplan besteht noch nicht. Aber Pläne gibt es viele für meine nächsten Solo-CDs z.B. weniger bekannte Sonaten aus dem 19. Jahrhundert. Man wird sehen.

Hajo:

Zum Schluß möchte ich zwei persönliche Fragen stellen: Welches Musikstück hörte Deine Frau am Liebsten von Dir gespielt und bei aller Professionalität: Gibt es ein Stück bei dem Du im Moment ins Träumen gerätst?

Stanley:

Meine Frau antwortet, immer das Stück, das ich gerade spiele. Sie ist ein Fan zeitgenössischer Musik, mag scheinbar aber auch meine neuesten Sor-Interpretationen (Fantasien und Sonaten). Sie mag die "leichtere" Gitarrenmusik nicht (außer natürlich Lennon und McCartney!).

Viele Stücke bringen mich zum Träumen. Im Moment bereite ich von Takemitsu "In the Woods" und Brouwer "Haiku: In Memorium Toru Takemitsu." vor. Ich mag diese Stücke sehr obwohl ich generell sagen muß, daß mich fast jedes Stück anregt, das ich spiele oder einübe. Sorry, es gibt keine eindeutigen Favoriten.

Hajo:

Danke für das interessante Interview

 

 
 
Hajo Dezelski
 
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