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Von komponierenden Gitarristen für gitarristischeKomponisten -
Eine Reise um die Welt mit zeitgenössischerMusik

"Kannst Du nicht mal was anderes spielen! Wenn Du eine CD auflegst hörst Du von Rock bis Minimalmusicalles, aber kaum hast Du die Gitarre in der Hand, kommt wieder Tarrega, Bach und Brouwer raus." "Ja, was willst Du denn: Wenn ich Henze und Britten spiele, ist es Dir auch nicht recht..."

Wer kennt diese Diskussion nicht: Auf der einen Seite will man nicht in die "seichte" Musik abgleiten, auf der anderen Seite ist moderne Konzertmusikfür manches Ohr abstoßend.Außerdem sind die zeitgenössische Stücke selten auf CDs verfügbar und wenn man moderne Literatur im Musikgeschäftkaufen will, ist zeitgenössische Musik nicht am Lager, als Einzelausgabe sehr teuer und wenn vorhanden, ob des Komplexitätsgradesauch für den gewieften Notenlesernicht immer sofort im Ohr abspielbar.

Einen weiteren Punkt darf man nicht vergessen: Die klassische Gitarre ist immer noch ein Instrument für Minderheiten. Komponisten moderner Musik bedienen sich Klangräumen, die Orchester oder kleine Ensembles produzieren können. Transkriptionen dieser Musik stoßen schnell an Grenzen.

Mal was Neues gefällig?

Stanley Yates hat in seiner Sammlung: "The Contemporary Guitar – An Anthology of New Music" Material zusammengestellt, daß von renommierten Vertretern zeitgenössischerMusik, die selbst alle Gitarre gespielt haben, gesetzt wurde. Man bekommt Musik angeboten, die die tonalen und klanglichen Charakteristika der Gitarre nicht überschreitet oder für die Gitarre reduziert werden mußte. Im Gegenteil: Klangliche und musikalische Eigenheiten und Möglichkeiten werden bewußt ausgereizt. Diese Grenzgängebetreffen nicht nur die musikalische Ausdrucksfähigkeit, sondern auch die Gestaltungsformder Musik und die damit verbundene Spieltechnik. So findet man in dieser Sammlung nicht die kleinen Bagatellen für den kleinen Appetit, sondern die Kompositionen erheben zu Recht den Anspruch auf Anerkennung in den klassischen Zirkeln der Musik.

Jeder Komponist dieser Stücke bringt einen andere musikalische Sprache auf die noch zu erobernde Bühne: Vom Jazz bis zur Atonalität, vom Blues bis zur Minimalmusic, von osteuropäischen Rhythmen bis zu keltisch beeinflussten Melodien. Und immer steht die Ausschöpfung des gitarristischen Klangrahmensim Mittelpunkt.

Aber laßtuns auf die Reise gehen:

Die Pampas in Argentinien und Amerika

Mark Delpriora ist mit der "Etude 5" aus einer Sammlung vertreten, die er für den brasilianischen Gitarristen Carlos Barbosa Lima geschrieben hat. Das Stück ist eine Hommage an den argentinischen Komponisten Alberto Ginastera. Das zweite Stück wurde durch ein fiktives Jazzensemble"Tambu" aus der Kurzgeschichte "Entropy" von Thomas Pynchon inspiriert. Das Stück wandert zwischen Jazzzitaten und ausgefeilten Harmonisierungen. Diese sind gepaart mit ständig wechselnden Metren, die den Fuß nicht mitwippenlassen, sondern ungewöhnliche Betonungen setzen.

Winter in Italien

Angelo Gilardino, der sich seit 1981 u.a. mit Kompositionen für größere Ensembles beschäftigt und u.a. durch die "60 Studii di virtuosita e di trascendenza" bekannt geworden ist, trug zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein Stück für Solo-Gitarre zur Sammlung bei: "Winterzeit" nach Robert Schumann. Es sind Stimmungsbilder, die lang klingende Töne, verbunden mit sich wiederholenden Mustern in der Schlußphasedes Schumannstückesenden.

USA - Way down South

Roger Hudsons, der zusammen mit Chet Atkins und Elton John musiziert hat und dessen Kompositionen auch im Fingerstylebereichbeliebt sind, hat mit der "Blues Suite" amerikanische Elemente mit den strengen Formen von klassisch komponierter Musik verbunden:

1. Walking (Passacaglia) Andante con "Groove",
2. Mystery (Ballad) a la "Summertime" ,
3. Delta(Toccata) Espressivo con un poco "Twang".

Die Weiten Finnlands

Bryan Johanson, ein renommierter Komponist mit einer Werklistevon über 80 Stücken nahm als Ausgangsbasis für "Variations on a Finnish Folksong" eine alte finnische Volksweise (Kalevalainen Savelma). Diese Melodie wurde verwendet, wenn man den Text der Märchensammlung Kalevala in Begleitung zu einer alten finnischen Harfe sang.

Im Süden von England

Stephen Kenyon, der u. a. mit dem Meister der Sitar Ravi Shankar an einer Transkription eines Sitarkonzertesgearbeitet hat, legt mit "Caer Meini" eine ruhige Musik vor, die nach einem Hügel in Südost Wales benannt wurde. Der lyrische Charakter mit eingeschobenen Tanzszenen, läßt die Gitarre klingen und evoziert offene Landschaften.

Irgendwo im Winter

James Marron komponiert moderne Ballettmusik. So wurden auch die beiden Stücke "Winter Scenes" and "The Slope" von Bethany Prater choreographiert.

Im Zauberwald

Alan Mearns liess sich in seinen Stücken"Tolkien Gesture" (Mirkwood Forest, Queen Galadriel, Treebeard, Wraiths, Gandols Summons and Escapes on the Great Eagle, Dance of Rivendalell) vom "Herrn der Ringe" (J.R.R. Tolkien) inspirieren. Die Musik ist expressionistisch angehaucht und erinnert in der Ferne an programmatische Musik a la Prokofiev.

In den Schluchten des Balkans

Atanas Ourkouzounov in der Zwischenzeit kein Geheimtip unter den Freunden moderner Gitarrenmusik mehr, läßt in seinem Stück "Ostinatoccata" alle Merkmale balkanischerVolksmusik aufleuchten. Rasant wird eine kleine melodische Idee durch polyrhythmische Ebenen getragen.

Kühlung im Dschungel

James Piorkowsky zieht es eher nach Südamerika. "Uraca" ist ein kleiner Ort im Dschungel von Venzuela, der an einem Fluß mit einem Wasserfall liegt. Die Musik spiegelt dies: minimalistischeWellen werfen sich auf, toben, fallen und plätschern wieder.

Von Transylvanienein Blick in die Pusta

Derk Van der Veen schrieb mit "Hora" einen Gruppenpaartanzder sich seit dem 16. Jahrhundert in Rumänien entwickelt hat. Das Stück ist auch in einer Version für Flöte, Geige, Gitarre und Akkordeon verfügbar ist. Diese Instrumentierung und die Tempobezeichnung"Adagio di tzigane" sind Programm und versetzen Spieler und Hörer in die Weiten der ungarischen Pusta.

Noch nicht am Ziel

An dieser Stelle muß der Rezensent eine Pause einlegen und etwas gestehen: Ein solche Reise ist anstrengend, Neues, nie gesehenes, der Weg ist lang und beschwerlich und für mich ist in diesem Fall der Weg das Ziel.

Oder Gitarristischausgedrückt: Die Stücke sind lang, technisch und musikalisch sehr anspruchsvoll, Hörgewohnheitenwerden nicht immer unterstützt und die Gitarre wird ausgereizt.

Was bleibt: Weiterhin spannende Unterhaltung für lange Abende, die mit unerhörten Klängen gefüllt sind. Eine Musik, die, auch wenn sie festgeschriebenwurde, durch Arbeit und eigene Ideen zum Leben erweckt werden will.

P.S.: Mir hat es im Balkan und im Dschungel am Besten gefallen, obwohl ich doch viel lieber in die Sahara fahre. Aber wer weiss, vielleicht wird es das nächste Ziel in der folgenden Anthologie von Stanley Yates.

 

 
 
Hajo Dezelski
 
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