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Ein Gitarrenbau-Lehrgang bei Andreas Krüger

Urlaub in Bielefeld
oder
Wie ich meine Gitarre bauen und kennen lernte

  • Na, wohin geht es dieses Mal die Urlaubsreise?
  • Nach Bielefeld!

  • Eigentlich nicht. Ich nehme an einem Workshop „Die Meistergitarre Konstruktion und Bau“ in derGitarrenbauwerkstatt „Resonanz“ teil.

  • Staunendes Schweigen.

Der Workshop

Dies war eine typische Reaktion auf meine Entscheidung Geld zu opfern, um meinen Traum einer selbstgebauten Gitarre zu verwirklichen. Der Anmeldung gingen zittern, zagen und viele Telephonate voraus, die immer wieder um Fragen der eigenen Fähigkeiten, der Seriosität des Workshops und dem Gegenwert des Kurses kreisten. Andreas Krüger, oder kurz der Meister, wie wir ihn im Laufe de Kurses nannten, klang in den Vorgesprächen nicht nur selbstsicher, sondern konnte, wie sich später herausstellte, alle Versprechen einhalten. Auch seine anderen Aussagen sollten sich im Laufe der Zeit bewahrheiten. Die Unterkunft war phantastisch, und der 'intensive' Workshop ließ tatsächlich keine Zeit für andere Freizeitaktivitäten übrig. Die geplanten 100 Stunden mußten in den zwei Wochen eingearbeitet werden.

Jeder der drei Teilnehmer hatte seinen eigenen Arbeitsplatz mit den notwendigen Werkzeugen. Für gröbere oder zeitaufwendigere Arbeiten standen leistungsfähige Maschinen in einem gesonderten Raum zur Verfügung. Diese wurden je nach Bedarf erklärt und vorgeführt, so daß wir sie im Laufe des Workshops wie selbstverständlich bedienen konnten.

An diesem Punkt zeigte sich u.a. das reflektierte methodische Vorgehen unseres Meisters. Wenn der Einsatz zum Beispiel einer Bandschleife erforderlich wurde, wurde das Gerät praktisch vorgeführt und unter seinen Augen eine Arbeitsprobe abgegeben. Beim nächsten Einsatz wurden wir mit Selbstverständlichkeit zum eigenständigen Umgang mit derMaschine aufgefordert. Bei Holzarbeiten und den damit verbundenen Werkzeugen ging er nach derselben Methode vor. Damit diese ' vertrauensbildenden Maßnahmen' ihre Wirkung entfalten konnten, konnten die Aufgabenstellungen in den ersten Tagen mit relativ großen Toleranzen erledigt werden. Die letztePräzision wurde dann erst zu einem späteren Zeitpunkt eingefordert. So sank ein Teil der Anspannung bei den Teilnehmern, denn man hatte ja noch 2 mmSpielraum und damit Sicherheit im Holz.

Trotzdem gab es die Angst, bereits getane Arbeit durch einen unbedachten Schnitt oder einen Ausrutscher unwiderruflich zerstören zu können. Sie animierte uns zur notwendigen Vorsicht im Umgang mit den Werkzeugen und wurde erste gegen Ende des Workshops durch wachsende Sicherheit abgebaut.

Wenn aber der Beitel doch einmal ausrutschte, bekamen wir von unserem Meister noch eine Lehrstunde zum Thema Reparatur von Gitarren. Grundlegend blieb dabei der große Respekt gegenüber dem Holz, das nicht nur als käuflicherHandelsgegenstand, sondern jeweils als Unikat betrachtet werden sollte. Entsprechend ist das Holzlager dieser Werkstatt nicht für eine Produktion 'just in Time' ausgerichtet, sondern wurde als gehütete Schatzkammer behandelt, deren Inhalte sorgsam gepflegt wurden.

Abgesehen vom Arbeitsprozess, der für alle Beteiligte anstrengend war, blieb die Stimmung locker. Auch unser Meister, der seine Aufmerksamkeit dreiteilen mußte,wußte seine Ruhe zu behalten und aufkommende Spannungen mit Konzentration zu lösen. Das Thema Gitarre war fast immer der Mittelpunkt der Unterhaltung, und wer mal wieder Musik hören wollte, konnte sich in einen kleinen Verkaufsraum zurückziehen, unter vielen Gitarren wählen und spielen.

Jeder konnte seinen eigenen Arbeitsrythmus finden, und die Arbeiten liefen nur bedingtzeitsynchron. Dies hatte auch den Vorteil, daß es keine Stoßzeiten an den Maschinen gab.

Die Konstruktion

Bei der Konstruktion bzw. der Planung der Gitarre erwies sich das Konzept von Andreas Krüger als sehr flexibel. Folgende Rahmenbedingungen waren vorgegeben:

  • spanische Konzertgitarre mit vorgegebener Größe und Form

  • spanische Korpus- /Halsverbindung

  • spanische Kopf- / Halsverbindung

Für kritische Teile wurden bei derHolzauswahl ausPraktikabilitätsgründen Vorentscheidungen getroffen:

Cedro Kopf,Halsstock
Cedro, Ebenholz Halsstock
Ebenholz Griffbrett
Rio-Palisander Steg
Fichte Beleistung
Knochen Sattel und Stegeinlage

Somit standen uns für die Auswahl desDeckenholzes, des Bodens, der Zargen sowie allerVerzierungen fast alle Optionen offen, um unser musikalischen und visuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Das Ergebnis dieses Workshopszeitigte somit auch drei verschiedene Gitarren: Zeder/Palisander, Fichte/Palisander und Fichte/Ahorn. Die zur Verfügung gestellteTonhölzer waren von sehr guter Qualität und seit vielen Jahren abgelagert. Für die Verschönerungen (Seitenstreifen,Schallloch, Randeinlagen etc.) konnten wir aus dem reichhaltigen Lager des Meisters schöpfen. So konnten auch Wünsche nach am Jugendstil orientiertenIntarsienarbeiten auf der Decke und dem Kopf befriedigt werden.

Die Konstruktion der Gitarre folgte in weiten Bereichen der spanischen Methode. Abgesehen von der Beleistung der Decke, die sich nach den klanglichen Wünschen der Bauer und den physikalischen Erfordernissen richtete (Symmetrisch oder asymetrische Beleistung, Bouchet-Balken,Schalllochverstärkung etc.), war die Plantilla, der umriss desGitarrenkörpers, vorgegeben und wurde durch eine entsprechendeArbeitsform unterstützt. Eine Solera, ein der Deckenwölbung entsprechendesArbeitsbrett, gehörte zu jedem Arbeitsplatz. In ihr wurde dieausgehobelte Deckebeleistet.

Die Zargen wurden entsprechend der spanischen Methode in die Schlitze desHalsklotzeseingepaßt. Auch die Kopf-/Halsverbindung wurde entsprechend verleimt.

Der Boden wurde nicht außerhalb derGesamtkonstruktion beleistet, sondern zur Verleimung über drei gewölbte, in den Zargen verleimte Querstreben gezogen. Dies ermöglichte eine sehr genaue Bestimmung derBodenwölbung.

Der Bau

Nacheingänglichen Erläuterungen zu den möglichen Tonhölzern,Holzstrukturen und Kriterien zum Erkennen guter Tonhölzer und deren Auswahl gab es eine längerePrüfphase (Festigkeit/Steifigkeit). Danach traf jeder seine Wahl. Anschließend wurde mit dem Zuschnitt und der Verleimung des Halses (Cedro, zwei Bretter mitEbenholzsperrung) begonnen. Danach folgte die Befestigung des abgewinkelten Kopfes und des Halsblockes.

Das Fügen und die Verleimung des Bodens und der Decke nahm anschließen einen Großteil der Aufmerksamkeit in Anspruch. Alle waren glücklich, als der Blich durch den Spalt der beiden Bretter im Gegenlicht keinen Schimmer mehr produzierte und man mit der Verleimung beginnen konnte.

DieErgebnisse der ersten Schritte ließen zwar noch keine Gitarre erahnen, machten uns aber sicherer und ermutigten uns, sich mit der Planung der Kopfform, des Furniers und dem Layout desSchalllochrings zu beschäftigen. Die Form des Kopfes wurde konstruiert und als Halbschablone ausgesägt. Nach diesem Schritt erfolgte die Auswahl der Furnierhölzer und der Späne, so daß zu diesem Zeitpunkt die Ästhetik weitgehend festgelegt wurde. Nachdem die Gräben um das Schallloch gefräst undausgehebelt worden waren, mußten die Einlagen entsprechend eingepaßt, verleimt und abgerichtet werden.

In der Zwischenzeit wurde nach der Verleimung derDeckenfurniere der Kopf mit Hilfe der Schablone angerissen und ausgesägt und die Löcher für die Mechaniken gebohrt. Selbstverständlich war dies kein kurzer Prozess, sondern mußte immer wieder durch Feinarbeiten ergänzt werden.

Im nächsten Arbeitsschritt wurde derHalsklotz langsam in Form gebracht, so daß dieGrobform desHalsstockes erkennbar wurde.

Nachdem die Decke auf der Frontseite fertig geschliffen war, mußte die Rückseite abgehobelt werden. Die Decke wurde je nach Beschaffenheit auf unterschiedliche (zwischen 1,7 und 2,3 mm) Stärken gebrachte. Nach dem Ausschneiden des Schalllochs, das als Erinnerungsstück aufgehoben wurde, konnte mit der Beleistung der Deckenrückseite begonnen werden. Die Fichtenleisten wurden entsprechend vorbereitet und gehobelt und in einer speziellen Spannvorrichtung auf die Decke geleimt, die in der Höhlung der Solera lag. Auf diese Weise nahm die Decke auch die notwendige Wölbung an. Anschließend wurden die Beleistungen noch so profiliert, daß sie mit möglichst wenig Masse ein Optimum zur erforderlichen Stabilität beiträgt. Der Hals der Gitarre, der Abschlußblock und die Kurven des Stöckels wurden nach ähnlichen Kriterien geformt. Bei diesenSchnitzereien war bei mir schon hin und wider die sichere Hand desGitarrenbaumeisters gefragt. Der Hals näherte sich von der Stärke seinem zukünftigen Aussehen. So wurde das Gefälle im Hals grob vorgearbeitet und entsprechendes Material mit einem speziellen Hobel abgenommen.

Die Deckeerhielt die letzten Fächerverstrebungen und die Querverstrebungen am Schallloch, bevor sie in er Trockenkammer verschwand. Vor derLeimung der Zargen solltedieHolzfeuchtigkeit auf ca. 10% gebracht werden.

Anschließend wurden die vorher abgerichteten Zargen eingepasst und in der Form die Deck mit dem Hals verleimt. Die Verbindung der Zargen mit er Deckewurde durch kleineLeimklötzchen und einer Portion Knochenleim hergestellt.

So langsam nahm die Gitarreform an. Am anderen Rand der Zargen in Richtung Boden wurdenLeimleisten angebracht, die für eine festere Verbindung zum Boden sorgen sollten Es folgte das Wölben derBodenbalken und das Einpassen in denZargenkranz. Hier war besonders darauf zu achten, daß die vorgesehene Wölbung des Bodens gleichmäßig verlief.

Ein letzter Schliff des Bodens, die Zargen eingepaßt, die Flächen mit Leim bestrichen und das Ganze mit einer Unmenge von Klemmen und Schraubzwingen verdichtet. Nachdem dieser 'Igel` über Nacht geruht hatte, war die ' Kiste' zu ...

Die Freude am nächsten Morgen, als das Halb-/Fertigprodukt Gitarre aus der Form kam, war nicht zu verbergen, und dieFräsung der Kanten an Boden und Decke brachte weitere Sicherheit, daß die 'Kiste' auf dem besten Weg zu einer echten Gitarre war. Die Späne für die Randeinlagen wurden noch vorgebogen und zu einem späteren Zeitpunkt mit Hilfe vonPaketklebeband angeleimt. Auch hier waren noch wichtigeBearbeitungsschritte notwendig, um die Oberflächen fein zu präparieren.

Das nächst größere Projekt war das Griffbrett, das vor dem Aufleimen in Form gebracht werden mußte. Die Härte desEbenholzes machte uns schwer zu schaffen. Die Anpassung desGriffbrettes , das Ausmessen derBundabstände waren eigentlich nicht so schwer. Erst als es ans Sägen der schmalen Nuten für dieBundstäbchen ging, wurde etwas lauter geschimpft. Das Einsetzen der Bünde und deren Abrichtung läßt sich nicht 'mal eben' in einer halben Stunde machen, sondern verschlang mit den notwendigenFeilarbeiten einige Stunden.

Es folgte wie gehabt eine Orgie mit Schleifpapier, Raspel, Feile, Sandpapier und Stahlwolle. Kleinigkeiten wie derStöckelabschluß und das Brechen aller Kanten mußten auch noch bewerkstelligt werden, bevor auch dasHalsprofil auf seine endgültige Form und Höhe gehobelt und geschliffen wurde. Es ist schon ein angenehmes Gefühl, wenn man den Hals auf seine eigenen Hände anpassen kann.

So blieb nur nochdie in der Zwischenzeit angefertigte Brücke auf der Decke zu positionieren und zu verleimen.

Ja, und zum Abschluß konnten endlich die Saiten aufgezogen werden, und es passierte das Wunder, auf das wir 14 Tage mit Spannung gewartet haben: Das Ganze sah nicht nur aus wie eine Gitarre,sondern sie klang auch wie eine Gitarre.

Die Meistergitarre

Auch wenn ich kein Meister bin, kann ich getrost stolz sein, was ich mit Hilfe des Meisters geschaffen habe. Äußerlich ist es eine Gitarre, die mit dezenten Verzierungen versehen auch unter Schönheitsgesichtspunkten sich nicht im Koffer verstecken muß. DieKonstruktionsmerkmale erfüllen alle Merkmale einer gehobenen Gitarre, und der Klang, für mich das Wichtigste und Subjektivste, wurde von einem anderen renommierte Gitarrenbauer in der gehobenen Kategorie eingeordnet.

Fazit: Egal, wie ich es sehe:

  1. Ich habe mir für dieKursgebühr eine Gitarre eingekauft, die ihr Geld mehr alswert ist und habe dabei noch gelernt, wie sie gebaut wird oder

  2. Ich habe gelernt, wie eine Gitarre gebaut wird und habe jetzt auch noch ein Instrument gratis erhalten, auf dem es Spaß macht zu speilen.

Der Workshop hat nicht nur Spaß gemacht, sondern hat sich auch noch gelohnt.

P.S. Wie schon angedeutet, habe ich von Bielefeld nicht viel gesehen. Vielleicht sollte ich doch noch mal Urlaub in Bielefeld machen – und eine zweite Gitarre bauen?

 

 
 
Hajo Dezelski
 
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