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Gitarrenbau revisited

Von Einem der auszog...

Theorie und Praxis sind nicht zwei Seiten einer Medaille, sondern haben oft nicht viel miteinander zu tun. Ein Gitarrenbaukursund viele Bücher legen ein Fundament für eigene Versuche, aber der eigene Weg spiegelt eine andere Wirklichkeit. Laßtviele Wirklichkeiten um mich sein...

You can't always get what you want...

Angefangen hat es mit dem Wunsch, auch mal eine Meistergitarrein den Händen zu halten. Erste Recherchen ergaben, daß mein Konto nicht ganz meinen Bedürfnissenentsprach. Nach einer Überlegensphasedenkt man sich, eigentlich sollte man unter Anleitung vielleicht ein ähnliches Instrument bauen können. Der naheliegendsteGitarrenbaumeister war Hermann Hauser III, der auf meinen Anruf sehr freundlich reagierte, mir auch anbot, daß ich seine Gitarren gerne auch in Augenschein nehmen dürfte, aber einen Praktikumsplatz wollte er nicht vergeben.

Let there be hope...

Um eine lange Vorgeschichte kurz zu machen: Herr Hauser gab mir die Telefonnummer eines Gitarrenbau Aficionados, der sagte es gäbe nichts Schöneres als eine eigene Gitarre zu bauen. Man müsse nur anfangen. Da aller Anfang schwer ist und ich meine handwerklichen Fähigkeiten wohl einschätzen konnte, wählte ich nach vielen Irrungen und Wirrungen die einfache Variante. Ich besuchte mit Erfolg einen Gitarrenbaukurs bei Andreas Krüger. Und irgendwie hatte mich der Virus erwischt und mein Selbstbewußtseinso gestärkt, daß ich meinte für den Eigenbau reif zu sein. Als ordentlicher Wissenschaftler stand vor dem zitternden Beginn dann doch noch mal das gründliche Studium der bekannten Gitarrenbauliteratur.Auch dies ein probates Mittel, den ersten Hobelspan hinauszuzögern.

Aber irgendwann kann die Gattin nicht mehr hören, wie phantastisch alles wäre, wenn man ...: "Dann fang doch mal endlich an!"

Nobody knows the trouble I've seen...

And trouble it was. Eigentlich ist alles ganz einfach. Man kauft die Hölzer, kauft die Werkzeuge, nehme ein Buch, lese eine Seite, setze die Inhalte um, lese die nächste Seite, setze diese Inhalte um, ..., und wenn man das Buch schließt, ist die Gitarre fertig und der Weg zur nächsten eigenen Gitarren-CD ist nur noch durch mangelnde Spielfertigkeiten blockiert.

Eigentlich lief es auch so, nur mit dem Umschlagen auf die nächste Seite des Buches ging es nicht so schnell. Die Worte verstand ich wohl, auch mit dem Verständnis von Sätzen und Absätzen hatte ich keine Probleme. Allein, die Umsetzung des Gelesenen in praktisch handwerkliche Tätigkeit beanspruchte meine Aufmerksamkeit gut 1 ¼ Jahr. (Aber keine Angst, es gab auch Pausen dazwischen.)

Hier fiel mir ein Nebensatz von Herrn Hauser wieder ein: ".., im Courtnall steht nicht alles drin." Recht hat er gehabt. Auch in den anderen Büchern steht nicht alles drin, was man wissen sollte. Und diese Löcher in der Darstellung des Herstellungsprozesses verlangsamten den selbst auferlegten Gang. "Warum habe ich mir dies nur angetan?", wenn ich den Arbeitsaufwand ca. 250 Stunden incl. Schellackpoliturmit dem üblichen Handwerkerpreisvon DM 80.- multipliziere, dann komme ich auf eine Summe, für die ich mir auch eine neue Hauser hätte kaufen können. Allerdings hätte ich dafür noch länger warten müssen.

Now I know how many holes it takes ...

Diese kleinen Wissenslücken kosten Zeit. Meist waren es nur "einfache" handwerkliche Probleme, für die ein Meister des Gitarrenbaus seit Jahren eine Lösung in der Schublade liegen hat. Aber meine Schublade war leer und ich mußte sie langsam füllen.

Aus der Schublade:

1. Versuch

Die Einpassung der Randeinlagenauf der Decke und dem Boden ist in den Büchern meist recht einsichtig erklärt. Aber nun steht man vor dem geschlossenen Kasten und soll einen Graben ringsum die Decke ziehen, in den sich später die vorgebogenenEinlagen schmiegen. Der Kanal ist keine Gerade, sondern folgt den wohlgeschwungenenKurven der Gitarre. Und: Nicht nur die Decke, sondern auch der Boden ist gewölbt. Es gibt eine einfache Lösung: Man nehme eine Oberfräse mit einer nicht vorhandenen Konstruktion, die mit einem kleinen Rädchen den Konturen der Gitarre folgt und fertig ist der Graben. Man setze die Fräse an und schon hat man den Beginn eines Grabens, der allerdings nicht senkrecht in den Zargen verläuft sondern durch die Wölbung des Bodens bedingt, eine wunderschöne Schräge produziert.

2. Versuch

Man nehme eine kleinere Fräse mit einer nicht vorhandenen Konstruktion... und vergesse, daß der Palisander aus weichen und harten Fasern besteht. Im weichen Teil verzieren schöne kleine Ausrisse den Rand und im harten Teil fängt der Fräskopf an zu rauchen, da er für solches Material nicht ausgelegt ist.

3. Versuch

Man besinnt sich, daß es um Handwerk und nicht um Fabrikation geht und nehme

- ein speziell geformtes Messer für Randeinlagen
- eine ruhige Hand
- viel Geduld

und sollte eigentlich vorher üben, üben, üben. (Nur woher nehme ich die vielen Gitarren und das Holz. Ich habe doch nur die eine.)

PS. Es gelang irgendwie.

If I had a hammer...

Kettensägen, Presslufthämmer, Hochgeschwindigkeitsbohrer alles steht dem engagierten Gitarrenbauer im nächsten Baumarkt zur Verfügung und verspricht den schnellen Erfolg durch verminderte schweißtreibendeHandarbeit. Zu schön um wahr zu sein: Geschwindigkeit mag auf der Autobahn zum Rausch ausarten und den im Stau Stehenden neidisch machen, aber ich war zum großen Teil diesem Rausch nicht gewachsen. Es nervt, wann der Hobel 1/10tel Millimeter nach dem anderen vom Ebenholzgriffbrettabträgt oder sich mal wieder auf der Palisanderzargein eine weiche Faser frißt.Man gebe mir einen Dickenhobelund ein riesiges Schleifband und zack - ist die Zarge an einer Ecke zu dünn geraten und darf entsorgt werden.

Ein Fläche wie z. B. das Griffbrett, ist eine Fläche, die eben sein sollte. Keine Wölbung, keine Buckel, keine Neigung - einfach nur eine perfekte Ebene, auf der sich später die Finger freuen, weil sie keinen Widerstand finden.

Kein Problem

- man nehme ..(s.o.),
- man tue ...(s.o.). Und wenn es nicht klappt,
- man übe ...(s.o.).

Hier erhebt sich wieder die Frage nach der Menge der verfügbaren Griffbetter, die man benötigt, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Lösung: Man nehme sich ein langes Stück Holz und Schleifpapier und bastelt sich seinen eigenen "Griffbretthobel".

1. Versuch

Holz, Glaspapier drumwickeln; geht, macht aber keine glatte Fläche.

2. Versuch

Holz, Glaspapier aufkleben geht besser, aber der Schleifblockmuß sehr hart und plan (s.o.) sein.

3. Versuch

Wie mache ich aus einem langen Holz eine gerade Fläche ... usw.

Ich für meinen Teil kann nun mit Fug und Recht behaupten, daß meine Gitarre tatsächlich mit eigenen Händen gebaut wurde (Back to the Basics). Es gibt vieles zu kaufen, aber für den Gitarrenbau ist es notwendig, sich viele kleine Werkzeuge und Hilfskonstruktionen selbst zu bauen. Das kostet Zeit und Nerven, da man am Anfang denkt es geht auch einfacher. Es geht einfacher: Man baue die in den Büchern vorgeschlagenen Hilfsmittel lieber gleich.

Was nützt die schönste Säge, wenn sie schon alles Holz zersägt hat? Eine wichtige Regel für den angehenden Gitarrenbauer: Laß viel Holz um dich sein. Ich nehme hier jede Wette an, daß genau das Stück Holz verunstaltet wird, für das kein Ersatz in der Krabbelkistevorhanden ist. Der Holzhändlersagt am Telephondann großzügig Lieferung in 3 Monaten zu und berechnet für das Holz im Wert von 1,50 Dm einen MindermengenZuschlag von DM 15,00 + Porto und Verpackungskosten in Höhe von DM 10,00. (Die Gattin wird es mit Freude vernehmen, wenn nicht glücklicherweise während des Gesprächs der Teekessel ob des blubbernden Wassers pfeift.)

As time goes by ...

Zur Psychologie eines Hobbygitarrenbauersläßt sich sicherlich viel Positives vermelden. In einem Punkt zeigt er aber ein gestörtes Verhältnis zu seiner Umwelt: Die Kombination von Glaube, Wut, Verbissenheit und Resignation mag auf Außenstehende befremdlich wirken.

- Der Glaube, daß man die beste aller Gitarren bauen wird.

- Die Wut, daß Wille und Vorstellung sich mit den Aktionen der Hände nicht in Einklang bringen lassen.

- Die Verbissenheit gefördert durch die Erkenntnis, daß nicht sein kann was nicht sein darf.

- Die Resignation verbunden mit der Einsicht, daß die Grenzen der eigenen Fähigkeiten eng gesetzt sind.

Ach und noch eins: Auch wenn es lange dauert: Irgendwann muß man einen Punkt setzen und sagen Akrobat: Schööööööööööööööööön ...! e basta.

Everybody got something to hide ...

except me and my monkey and: My guitar. Chaos beherrscht die Welt, warum sollte gerade ich nicht den Mut zur Lücke und den kleinen Unregelmäßigkeiten haben, die wahre Schönheit ausmacht. Gleichmäßigkeit, Perfektion, Wohlgeformtheit und Ebenmäßigkeit sind auch aus der Ferne genießbar. Verbieten Sie einfach dem zukünftigen Kritikaster ihrer Gitarre, daß er sich mit Pingeligkeit Ihrem Instrument nähert. Auch im perfektesten Körper lassen sich Fehler entdecken.

Außerdem sollte die innere Schönheit der Gitarre strahlen. Sie soll klingen und das wird sie. Einer Gitarre, die Freude und Schmerz aus ihrem Inneren erklingen läßt, wird man die kleine angestoßene Kante verzeihen, ja man wird sie gar nichtsehen (können).

Der auf der Gitarre spielende Virtuose bildet das Gesamtkunstwerk.

With a little help from my friend...

Die Reaktionen der Leute sind irritierend verschieden, wenn es mal wieder klemmt und Hoffnungslosigkeit sich breit macht. Manche Leute besaufen sich, manche gehen beichten, der nächste ergibt sich dem Geschwindigkeitsrausch.Ich für meinen Teil rief einen befreundeten Gitarrenbauer an, dessen Berufserfahrung überhaupt nicht verstehen konnte, wo denn überhaupt das Problem sein. Man nehme .

1. (s.o.) ...
2. (s.o.) ...
...

und siehe da, in den meisten Fällen funktionierte es sogar. (Ich muß gestehen: Die deutsche Ausbildung zum Instrumentenbauer mit ihrer langjährigen Lehrzeit mag wirklich übertrieben sein, aber es geht wohl nichts über eine solide handwerkliche Ausbildung - auch im Gitarrenbau)

...But if you try sometimes you'll find

You'll get what you need.

Ich hatte es schon mal gesagt: Was beim Gitarrenbau wirklich nervt, ist, das das Instrument nicht in Modulbauweise aufgebaut werden kann. So könnte man Teil für Teil aufbauen, durchtesten, zu Seite legen und zum Schluß zusammenbauen und man weiß: Es wird klingen.

Nein: Man muß sich über ein Jahr sich plagen, zittern und zagen bis man die Saiten aufziehen kann. Dies immer in der Hoffnung, daß bei diesem Versuch die Decke nicht kollabiert.

Und Dann:

Sie klingt - etwas später:
sie klingt gut - dann im Vergleich:
sie klingt sehr gut -
sie wird in Zukunft noch besser klingen.

Der Grund:

Ich habe sie selber gemacht,
so wie ich es wollte
und wie ich es konnte.

P.S.

Die nächste Gitarre wird ein Romanillos-Nachbau oder so ähnlich.

 

 
 
Hajo Dezelski
 
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