Die ganze Welt der Gitarrenreparatur auf 160 Seiten.
Oder alles was sie schon immer wissen wollten, wenn ihr klingendes Schätzchen zum Doktor muß und sie eigentlich selbst Hand anlegen wollten... Doch irgendwie hatten sie schon festgestellt, daß analog zu den heutigen Autos auch bei ähnlichem Aussehen sich im Inneren deutliche Unterschiede manifestieren.
Da die Welt wohl nicht so einfach ist, hat es sich der Autor auch zur Aufgabe gemacht, auf die Besonderheiten der einzelnen Gitarrentypen einzugehen. So beginnt das Buch in sehr kompakter Weise mit der Darstellung der verschiedenen Konstruktionsprinzipien von der klassischen Gitarre über die Flamenca, Steelstring, Jazz- bis zur elektrischen Gitarre. Die Gitarrentypen werden in vereinfachten Explosionszeichnungen vorgestellt. Aber schon an dieser Stelle wird deutlich, daß trotz vieler Photographien, eine in die Tiefe gehende Analyse möglicher Probleme nicht leistbar ist. Konsequent weisst Kamimoto z.B. bei Brettgitarren darauf hin, daß bei einem Reparaturversuch man nicht dem Fehler verfallen sollte, vorgestanzte Lösungswege gehen zu können. Es gibt zu viele unterschiedliche Konstruktionsprinzipien und damit verbunden auch Myriaden von Vorgehensweisen bei Reparaturansätzen und der damit notwendigen Neueinstellung der Spielbarkeit. Summa sumarum vorweg: Es ist wieder mal Erfahrung gefragt, die Kamimoto augenscheinlich mitbringt, die aber nicht von jedem Meister - geschweige denn vom Amateur - vorausgesetzt werden kann.
So sind auch die Informationen über die Einrichtung eines Reparaturshops mit den notwendigen Werkzeugen nur kursorisch und die Erläuterungen über Leime, Hölzer und Saiten decken das Mindestwissen notdürftig ab.
Aber langsam zur Sache: Kamimoto beschreibt einleuchtend die Notwendigkeit einer in sich geschlossenen Abstimmung von Griffbrett, Bünden, Sattel und Steg und weist darauf hin, daß die Feinjustierung sehr von den Spielgewohnheiten des jeweiligen Spielers abhängt. So kann ein vorsichtiger Zupfer mit einer niedrigeren Saitenlagen auskommen, als ein Plektrumspieler, der ohne Verstärker einen kleinen Saal beschallen will. Die Möglichkeiten der jeweiligen Einstellungen werden detailliert beschrieben. Aber leider sind sie für einen Nicht-Fachmann wenig nachvollziehbar, da diese "according to the rules" gemacht werden müssen. Nur wo sind diese Regeln zu finden? Der Reparaturfachmann muß die Aktionskombinationen zwischen Spielerstil, der Saitenlage und den physikalischen Schwingungsvarianten der einzelnen Saitentypen kennen und entsprechend handeln.
Etwas ausführlicher beschäftigt er sich mit der Mensur und den damit verbundenen Stimmungen. Es werden verschiedene Verfahren beschrieben, mit denen die korrekte Bundierung erreicht werden kann. Interessant sind die verschiedenen Möglichkeiten neue oder andere Mechaniken einzubauen. Es werden auch Verfahren aus dem Geigenbau oder Lautenbau beschrieben, um neue Wirbel einzupassen.
Die Halsreparaturen nehmen einen großen Teil des Buches ein und umfassen möglichen Eingriffe bis zur Beschreibung der Justierung des Halswinkel, der Entfernung des Griffbretts und einer Neubundierung. In einem ausführlichen Datenteil werden die exakten Bundabstände für alle möglichen Mensuren in Inch aufgelistet. Es werden hierbei durchaus wertvolle Tips gegeben, die sich z.T. auch wieder auf bestimmte Gitarrentypen bzw. Firmen beziehen. Auch der Ersatz eines Trussrods wird beschrieben, wobei auch hier der Autor voraussetzt, dass man weiß was man tut.
Etwas ausführlicher beschäftigt sich Kamimoto mit der Lösung von Problemen im Holzbereich bei akustischen Instrumenten. So werden verschiedene Verfahren zur Reparatur von Rissen und kleineren Holzausbrüchen beschrieben und photographisch dokumentiert. Was an dieser Stelle nicht vermitteln wird oder nicht zu vermitteln ist: Man braucht die jahrelange Erfahrung, um nicht nur z.B. das richtige Ersatzholz zu finden, sondern auch das Wissen über die Struktur des Holzes und den daraus folgernden Verfahren. Wie muß das Holz bearbeitet werden, damit es sich nahtlos in die Bruchstelle integriert und dabei nicht nur optisch Vergangenes wiederspiegelt, sondern auch den Klang bzw. das Schwingungsverhalten der Gitarre nicht beeinträchtigt.
Die anschließende Neulackierung wird wieder auf wenigen Seiten in allen Materialvarianten und Bearbeitungsverfahren dargestellt. Daß bei einem solchen Themenbereich die Breite des Wissens fundierte Kenntnisse nicht ersetzen können, ist evident. Man erwartet nicht unbedingt ein ganzes Buch über Schellackpolitur, aber jeweils eine Seite über dieses Verfahren mag etwas zu spartanisch sein.
Selbstverständlich werden zum Schluß des Buches auch der Austausch und die Reparatur von E-Gitarren vorgestellt. So werden die einzelnen elektrischen Komponenten vorgestellt und die notwendigen Schaltdiagramme präsentiert. Obwohl ich kein Spezialist für diese Teile bin, würde es mich nicht wundern, wenn hier einige Informationen überholt sind.
Zusammenfassend: Eigentlich war ich schon gespannt auf das Buch, weil ich erhofft hatte, daß Kamimoto einige "Tricks of the trade" auf den Tisch des Hauses legt. Aber dazu ist die Materie bzw. die Gitarre zu komplex. Zum Verständnis des Buches bedarf es an jeder Stelle des Wissens eines ausgewachsenen "Luthiers". Als Voraussetzung sollte dieser nicht nur seine eigenen Gitarren seit Jahren kontinuierlich weiterentwickelt und die handwerklichen Grundlagen seiner Zunft verinnerlicht haben. Er muß aktiv eine Vielzahl dieser Instrumente "zerlegt" und wieder zusammengebaut haben, um über das praktische Wissen der verschiedenen Konstruktionsverfahren und den damit verbundenen Problemen zu verfügen.
Qui bono: Vielleicht ein interessierter Gitarrist, der nicht weiß, ob sich die Reparatur seines Instrumentes lohnt? Aber da hätte er auch beim nächsten Gitarrenbaumeister einen Kostenvoranschlag erbitten können und dieser hätte ihm schon erklärt, wo die Probleme liegen.
Complete Guitar Repair
Hideo Kamimoto
1978
ISBN: 0825601568
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