La Chitarra di Liuteria
Wahrliche Meistergitarren
Vieles im Leben kann man sich nicht leisten: Zum Beispiel eine Stradivari oder eine Guarneri oder - der GAK angemessen - eine Torres Gitarre. Schade.
Aber manchmal bekommt man die Gelegenheit einen Zipfel dieser Belege meisterlicher Gitarrenbaukunstzu erhaschen. Und da ist ein Buch und eine CD nicht die schlechteste Variante, auch wenn man das Schätzchen nicht direkt auf seinem Schoßhalten kann.
Es gibt, noch recht versteckt im vielfältigen Angebot der Literatur, ein Kleinod, das hält was es verspricht : La Chitarra di Liuteria / Masterworks of Guitarmaking. Die Autoren sind keine Unbekannten in der Szene. Stefano Grondona ein international bekannter Gitarrist, der Werke von Llobet und Tarrega, schon vor einigen Jahren eine CD auf einer Torresgitarre (1886) einspielte und Luca Waldner ein Gitarrenbauer, der in einer kleinen Stadt in Norditalien lebt und arbeitet. Der Dritte im Bunde verfertigte die sehr guten Photographien: Massimo Mandelli.
Ausgangspunkt waren drei Festivals in Vicenza, die um das Thema Gitarrenbau kreisten. Es gab allerdings einen kleinen Unterschied zu den sonst totenstillen Präsentation in "normalen" Musikinstrumentemuseen: Die vorgestellten Meisterwerke der Gitarrenbaukunst präsentierten sich nicht nur hermetisch abgeriegelt in Schaukästen, sondern wurden in den abendlichen Konzerten ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt: Sie mußtenIhr Fähigkeiten in den Händen von Meistergitarristenbeweisen.
Dieses Konzept prägt auch das Buch. Im ersten Teil werden in einem historischen Abrißeine beeindruckende Auswahl von Gitarren berühmter Meister in Wort und Bild vorgestellt: Torres, Garcia, Simplicio, Fleta, Arias, Gonzalez, Ramirez I+II, Hernandez, Esteso, Barbero, Hauser I+II, Bouchet, ... Aber auch die Musik und die wechselseitige Beeinflussung von Spieler/ Musiker und Instrumentenbauer wird in vielfältigen Aspekten beleuchtet. Natürlich fehlen die Namen Segovia, Llobet, ... und deren Gitarren nicht in diesem Konzert von Fakten, Geschichten und Hintergründen. Die Geschichte der Gitarre ist zu komplex, um in einer gradlinigen Story erzählt zu werden. So werden die vorgestellten Gitarren die Protagonisten, um die sich die Darstellung der Entwicklungslinien rankt. Die Hauptdarsteller präsentieren sich dabei bildlich mit ihren Besonderheiten, die sich erst in Detailaufnahmenerschließen. Immer wieder werden aber auch die persönlichen Verbindungen zwischen den Musikern, den Erbauern, den Besitzern beleuchtet, um die wechselseitigen Einflüsse von baulicher Realisationund klanglichen Vorstellungen transparent zu machen.
Daß dabei auch die Entwicklung der Musik mit ihren epochebedingtenAusdrucksformen Einfluß nahm wird in der beiliegenden CD verdeutlicht. Grondona spielt auf den vorgestellten Instrumenten Stücke, die die klangliche Charakteristik des jeweiligen Instrumentes hervorhebt. Ob man jetzt Gegner oder Freund von "historisierenden" Aufnahmen ist, ich finde es durchaus emotional erhebend, die Musik auf Originalinstrumentenwieder erklingen zu hören. Grondona gelingt es, die Stücke nicht nur als Beleg für längst Vergangenes zu präsentieren, sondern, Einbildung oder nicht, man merkt es seinem Spiel an, dass es ihm Spaßmachte, diese wunderschönen Instrumente mit der Musik zu neuem Leben zu erwecken.
Im zweiten Teil des Buches werden zwei Aspekte des Gitarrenbausbehandelt, die sich durch die Sichtweise von anderen Darstellungen unterscheiden. Neben einer Darstellungen der Entwicklung der Saiten wird die Sichtweise des Gitarrenbauersauf sein Werk dargestellt. Es ist nicht das fertige Instrument, das den Meister auf seinem Weg zum Klang begleitet, sondern der ewige Blick auf die kleinsten Details. Nicht die großen Formen und Strukturen prägen die Arbeit, sondern der "Blick durch die Lupe": rechte Winkel, absolute Geraden, perfekt plane Flächen, Mosaikhölzchender Rosette, Rundungen der Streben, die Form des Halses zwischen 9-12 Bund, ... Schön, das zum Schlußeine wohlgeformte Gitarre entstanden ist. Aber das Design des Gesamtkunstwerkes stand schon vor dem ersten Griff des Instrumentenbauerszum Hobel im Kopf fest. Und wenn's ein Meister war, hörte er auch seine Gitarre schon, als er noch das Holz aussuchte.
Wenn das Buch bis jetzt die Allgemeinheit der Gitarrenaffektionadosansprach, wird es im dritten Teil für den heutigen Gitarrenbauer interessant, der einen Teil der Magie der Instrumente auch in der technischen Konstruktion sieht. Die Instrumente werden detailiert beschrieben. Dabei werden nicht nur die äußerlich erkennbaren Maße präzise wiedergegeben (Korpusgröße, Beleistung, Holz, etc.) sondern wichtige Parameter wie die Dicke der ausgearbeiteten Hölzer etc. werden übersichtlich dargestellt. Und: Diese Angaben scheinen zu stimmen. Ein renommierte Gitarrenbauer aus Deutschland, der zwei dieser vorgestellten Gitarren in seiner Werkstatt hatte, bestätigte die Verläßlichkeitder Daten. (Und dies sei am Rande bemerkt, ist nicht eine Selbstverständlichkeit.)
Aber es wird noch spannender in der Darstellung. Jeder weiß, das auch bei scheinbarer Baugleichheitvon Gitarren, die Klänge nicht unbedingt vergleichbar sind, da die Einzigartigkeit jedes Instrumentes durch das Holz bestimmt wird, das in seiner Zusammensetzung auch in der heutigen Zeit nicht geklont werden kann. Die Autoren stellten deswegen zwei weitere Parameter bereit, die eine Annäherungbeim Bau erleichtern: Die Eigenfrequenz der Gitarre und die Ressonanzfrequenzdes Steges. Und hier ergab sich für mich eine Überraschung, die ich allerdings in ihren Konsequenzen noch nicht ganz interpretieren kann: Die Eigenfrequenzen z.B. der Torresgitarren (1. und 2. Serie) lagen wesentlich unter der Frequenz, wie sie bei heutigen Instrumenten die Regel sind.
Ergänzt wird das Buch wie üblich durch Glossar, Bibliographie, etc. Ein rundes Paket, das auch unter ästhetischen Gesichtspunkten Freude aufkommen läßt. Zu empfehlen oder in Holz ausgedrückt : AAA
La Chitarra di Liuteria / Masterworks of Guitarmaking
Stefano Grondona, Luca Waldner
Photographie: Massimo Mandelli.
Verlag: L'officina del libro
Zweisprachig Italienisch / Englisch
Formato 21x23 cm
Pagg. 228 Über 400 Bilder
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