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Gitarrenakustik

Hören oder Sehen? - Hören und Sehen!

Wer hat die phantastischen Beschreibungen von Gitarrenklängennicht schon gelesen. Die deutsche Lyrik erblasst ob der Ausdrucksvielfaltbei der Beschreibung von Klängen. Jede einzelne Gitarre verspricht die ganze Welt des klanglichen Ausdrucks zu präsentieren. Und wenn man sich nach einer solchen Beschreibung ein Gitarre gekauft hat, wie klingt sie dann?

Genauso, wie man sie zu spielen fähig ist. Doch halt: Irgend einen Unterschied muß es doch zwischen den Gitarren geben. Dicke, dünne, teure, billige, Zedern- oder Fichtendecke, ... Also eine zweite Gitarre in den Arm genommen und angeschlagen. Sie klingt ..., die 1. Gitarre genommen, angeschlagen. Sie klingt etwas anders; die 2. Gitarre ..

Spätestens zu diesem Zeitpunkt erkennen wir,, daß wir ein Problem haben: Die Flüchtigkeit des Klangs. Angeschlagen, schon ist der Ton da und wieder weg. Und wir können uns den Klang nicht merken.

Kein Problem meint der Technikfreak: Für was habe ich denn einen Rekorder: 1. Gitarre aufgenommen; 2. Gitarre aufgenommen; 1. Gitarre abgespielt; 2. Gitarre abgespielt. Das Problem ist, wenn auch auf anderem Niveau geblieben. Wir können immer nur den Klang einer Gitarre zu einem Zeitpunkt akustisch wahrnehmen.

Der wissenschaftliche Amateur

Wenn uns das Ohr so schmählich im Stich läßt, sollten wir vielleicht das Auge bemühen. Aber wie macht man das Gehörte sichtbar?: Psychodelische Farbvariationensind aber sicher nicht gefragt.

Wir müssen etwas "wissenschaftlicher" an die Sache gehen:

1. Wenn ich eine Saite anschlage, gibt es einen Ton.
2. Der Ton hat eine bestimmte Lautstärke (Volume)
3. Der Ton klingt eine bestimmte Zeit nach (Sustain)
4. Manche Töne erscheinen in unseren Ohren lauter, weil wir bestimmte Frequenzen "besser" hören.
5. Manche Töne werden von der Gitarre unterstützt und klingen objektiv lauter.
6. Manche Töne bringen den Gitarrenkörper "besser" zum Schwingen und die Töne klingen länger.
7. Der Ton hat eine Klangfarbe (dunkel, hell, etc.), die von den Grundfrequenz-Vielfachen erzeugt werden.
8. Es gibt einen Ton, bei dem die Gitarre anfängt zu beben, ohne daß eine Saite angeschlagen wird.
9. Derselbe Ton klingt auf der einen Saite lauter oder länger als auf der anderen Saite.
10. Die Lautstärke auf einer Saite ändert sich auch bei gleichmäßigem Anschlag von Ton zu Ton.
11. ...

Man könnte noch endlos weitere Thesen und Fragen formulieren, doch die Antworten werden nicht einfacher. Die Kunst liegt in der Beschränkung. Also reden wir heute mal nicht über Musik, Interpretation, Akkorde, sondern nur über einen Ton bzw. viele Töne, aber alle schön nacheinander gespielt.

Denn diese Töne kann man mit relativ einfachen Mitteln sichtbar und damit vergleichbar machen.

Was ist meßbar?

Wenn man einen Ton auf einen Tonträger aufnimmt, kann man mit bloßemAuge schon zwei Parameter feststellen:

  1. Die Lautstärke zeigt sich an dem grünen Balken der Aussteuerungsanzeige.

  2. Mit der Stoppuhr könnte man die Länge des Tones stoppen.

Aber dieses Verfahren ist auch dem Amateur etwas zu unwissenschaftlich. Dank moderner Computertechnik läßt sich dieses Verfahren sehr viel präziser und aussagekräftiger durchspielen.

Versuchsaufbau

Machen wir es der Reihe nach:

Sie brauchen einen Rekorder. Gut wäre ein Mini-Diskrecorder, der eine sehr gute Aufnahmequalitätliefert. Weiterhin benötigen Sie das beste Mikrofon, das Sie sich leisten können. Dieses Mikrofon wandelt die Klänge ihrer Gitarre in analoge elektrische Signale um. Alles was das Mikrofon nicht "hört" oder unterdrückt, wird verfremdet oder ist verloren. Also an dieser Stelle nicht sparen. Das Mikrofon platzierenSie ca. 1m entfernt senkrecht zum Schallloch. (Später können Sie mit der Mikrofonpositionierungspielen. Aber es wird dabei im wesentlichen das Klangspektrumbeeinflußt und dies interessiert uns bei diesen Versuchen nicht.)

Dann den Aufnahmeknopfgedrückt, richtig ausgesteuert (der lauteste Ton sollte "oben" gerade anschlagen) und auf jeder Saite jeden Ton sauber und mit gleichmäßigem Anschlag bis zum 12. Bund anspielen.

Lassen Sie jedem Ton Zeit bis er wirklich verklungen ist. (zugegeben: Es ist eine etwas mühselige Arbeit. Aber sehen Sie es von der anderen Seite: Genießen Sie ihre Töne. Es ist wie Meditation). Gönnen Sie sich durchaus auch zwei Durchgänge, da Sie beim ersten Mal noch zu aufgeregt waren. Die Aufnahme hat geklappt: Prima. Wenn Sie zwei Gitarren vergleichen wollen, sollten Sie sofort den nächsten Durchgang machen: Aber bitte nicht den Stuhl, das Mikrofon und die Sitzpositionverändern. Festgenagelt sollten Sie werden.

Wenn die Aufnahme beendet ist, muß Ihr neuestes Kunstwerk in den Rechner überspielt werden. Auch dies bedeutet kein Problem: einfach von der Line-out Buchse des Rekorders ein Kabel in die Line-in Ihrer Soundkarte stecken. Falls dies nicht klappen sollte, versuchen Sie es mit dem Mikrofoneingangihrer Karte und schon kann es fast losgehen mit der Wandlung von analogen in digitale Signale.

Für Experten:

Sicher hätte man auch Harddiskrecordingmachen können, indem man das Mikrofon direkt in die Mikrofonbuchse der Soundkarte stöpselt. Aber die Praxis hat gezeigt, daß man mit den hohen Arbeitsgeräuschendes Rechners sehr viel Schmutz, Brummen etc. aufnimmt. Dies tut dem leisen Klang der Gitarre nicht gut und beeinträchtigt die Auswertearbeiten.)

Sie sollten jetzt ein Programm auf Ihrem Rechner aufrufen, das Ihnen die Aufnahme von Audiodatenüber die Soundkarte erlaubt. Diese Art von Programmen liegen meist bei der Soundkarte bei oder stehen als Public Domain Software zur Verfügung. Es sollte außer der Aufnahmefunktionnoch eine Anzeigefunktion der Hüllkurve haben. Man sollte schneiden und dabei selbstverständlich Zeiten vermessen können. Da ich hin und wieder meine Spielfertigkeitüberprüfe, indem ich meine Musik aufnehme habe ich mir ein etwas komfortableres Programm Samplitude geleistet, das von der Aufnahme, dem Schnitt, der Abmischung, Effekte bis zum Brennen einer CD alles beherrscht.

Aber weiter der Reihe nach. Spielen Sie erst einmal ihr Tonmeisterwerkin den Rechner und speichern sie dies als Wave-Datei ab.

Die Erbsenzählerei auch Auswertung genannt

Nun kann der nervige Teil der Operation beginnen. Sie müssen am Bildschirm das Signal auswerten. (Wenn Sie Stereo aufgenommen haben, suchen Sie sich den schönsten Kanal aus, da wir nur einen Kanal brauchen.).

Ihre Aufnahmen sehen ungefähr so aus:

Bild segform.gif

Wir haben es geschafft: Wir sehen unsere Töne. Auf der x-Achse ist die Zeit eingetragen. Auf der y-Achse sehen wir die Lautstärke in Dezibel. Dezibel ist kein lineares Maß, sondern ein logarithmisches. Der höchste Punkt der Anzeige (höchste Lautstärke ist auf der Skala bei 0 dB eingetragen. Der niedrigste Wert wird in der Skalenmitteirgendwo bei -60 dBbis -100 dB sein. Zwischen diesen beiden Werten liegt die Aufnahme Grenzempfindlichkeitder Mikrofone (Technik) und auch das Grundgeräusch des Aufnahmeraumes.

Wenn wir in das Bild hineinzoomen, sieht ein einzelner Ton schon etwas handhabbarer aus.

Wir können jetzt ablesen, wie laut der Ton ist (Höchste Stelle z.B. -10 dB und auf der Zeitskala wie lange der Ton gedauert hat. Diese beiden Werte schreiben wir in eine Tabelle auf.

Bild BelSusTab.gif

Ablesefehler und nicht gleichmäßiger Anschlag sollten natürlich nicht vorkommen, werden aber über die Datenreihewieder ausgeglichen. Sie haben am Ende 6 Saiten * 13 Töne = 78 Wertpaare als Meßergebnisvorliegen. Aber dieser Zahlenwustmacht noch keinen richtigen Spaß.

Bild BelSus.jpg

Einmal am Rechner sollten wir uns dessen Vorteile zunutze machen und ein beliebiges Tabellenkalkulationsprogramm verwenden. Legen Sie für jede Saite eine eigene Tabelle an, indem sie Zeile für Zeile die Tonhöhe, das Volumen und den Sustain eintragen. Wenn Sie mehrere Gitarren vergleichen wollen empfiehlt es sich, für jede Saite je eine Tabelle für Sustain und Volume anzulegen. Nun dürfen Sie wieder Zeile für Zeile die Noten und den jeweiligen Wert und Spalte für Spalte die jeweilige Gitarre eintragen. Der Rest ist leicht getan. Wählen Sie die Tonhöhe und die Werte aus und generieren sie über das Menüein Diagramm. Schon wird Ihnen optisch aufgezeigt, wie sich die Lautstärke entlang einer Saite verhält.

Interpretation

Das Zahlenmaterial ist vorhanden, die Tabellen ausgefüllt, die Diagramme mit vielen bunten Linien liegen vor. Jetzt wird es spannend. Wir betrachten der Einfachheit halber nur die Fieberkurven. Für jede Saite haben Sie zwei Tabellen: Volume und Sustain. Was zu erwarten war, zeigt sich auch hier: Wenn Sie die Kurve von der Ferne sehen, fallen die Auf- und Abbewegungenzwischen den einzelnen Tönen nicht mehr so stark ins Gewicht. Sie werden bei beiden Parametern eine Kurve sehen, die sich in Richtung obere Töne zum schlechteren Wert bewegt. Diese Abwärtsbewegung wird bei Sperrholzgitarrenab dem 7. Bund sehr viel stärker sein als bei einer Gutholz Meistergitarre, die auch insgesamt bessere Werte verzeichnen wird. Wenn die aktuelle Kurve mit den Einzelwerten im Verhältnis zur geglätteten Kurve nicht so große Sprünge macht, zeigt die Gitarre ein ausgeglichenes Verhalten. Dies bedeutet, daß Sie beim Spiel z. B. unterschiedliche Lautstärken zwischen den Tönen nicht durch einen stärkeren Anschlag kompensieren müssen. (Obwohl sie dies schon immer unbewußt gemacht haben.) Sie werden aber auch , beim Vergleich mehrerer Gitarren feststellen, daß die Kurven aller Gitarren bauartbedingtLautstärkeneinbrüchehaben, die leicht verschoben, aber immer signifikant sind. (Hierüber muß man sich also keine Gedanken machen.)

Wenn Sie in der Kurve Ausreißer sehen, sollten sie diese noch einmal auf Ihrem Instrument nachspielen, um zu überprüfen, ob sie vielleicht beim Einspielen einen Fehler gemacht haben. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, überprüfen Sie denselben Ton auf einer anderen Saite. Wenn bei diesem Ton auch ein Einbruchvorhanden sein sollte, dürfen Sie mit Freude feststellen, daß Ihre Gitarre diesen Ton nicht leiden kann...

Bild Dezvol.jpg

Bild rodsus.jpg

Eine andere Fragestellung betrifft das Lagenspiel: In welcher Lage x+ 5 Bünde ist die Gitarre am Lautesten, am Ausgeglichensten, klingt am längsten nach?

Bild volAlag.jpg

Bild VolAtabLag.gif

Nichts einfacher als dies, wenn sie die Funktionalität des Spreadsheetsverwenden. Machen sie auf der Tabellenseiteeine neue Spalte auf und rechnen sie jeweils ab einem bestimmten Ton die Summe der 5 nächsten Töne / dividiert durch 5 aus. Sie erhalten einen Durchschnittswert. Die Berechnung machen Sie für die nächste Lage etc.. Sie erhalten eine geglättete Kurve, die Ihnen für bestimmte Musik (natürlich auch unter Einbezug der anderen Saiten Auskunft darüber gibt, in welcher Lage Ihre Gitarre die Töne am besten unterstützt. Auch hier werden Sie von Gitarre zu Gitarre signifikante Unterschiede feststellen.

Ein weiterer Punkt, den Sie mit den Daten überprüfen können, betrifft das Lagenspiel und die Tonhöhe: An welcher Lage wird der gleiche Ton am lautesten gespielt bzw, klingt am längsten nach?

Kein Problem: Kopieren Sie Ihre Meßergebnisseauf ein neues Blatt und positionieren diese immer um 5(4) Töne verschoben. Die Daten ausgewählt und ein Diagramm gezeichnet. Schon haben Sie ein Bild, ob Sie eine bestimmte Passage besser in der 1. Lage auf der E-Saite oder ab dem 9 Bund auf der G-Saite spielen sollten.

Die Auswertung kann noch durch viele Fragestellungen erweitert werden. Auf diese Weise ist es z.B. auch möglich, die Reaktion der Gitarre auf verschiedene Saitentypen zu testen. Aber aufgepaßt: Sie müssen bei der Aufnahme der Töne sorgfältig darauf achten, daß z.B. Abstand, Winkel und Richtung von Mikrofon und Gitarre peinlichst eingehalten werden. Wenn das Mikrofon nicht auf dieselbe Stelle der Gitarrendecke zielt, werden Sie, zumindest was die Lautstärke betrifft, ganz andere Meßergebnisse erhalten. (Die Reordereinstellungenbei der Aufnahme und beim Überspielen in den Rechner sollten Sie natürlich auch notiert haben und entsprechend wieder herstellen.)

Was soll's?

Ein erfahrener Gitarrist wird sagen was soll das? Das habe ich doch schon alles vorher gewußt! Das Wichtigste ist das Hören und das Spielen. Mein Gehör ist so gut, daß mir diese Kleinigkeiten bekannt sind und ich die Schwächen meiner Gitarre im Spiel kompensiert habe. Außerdem liebe ich meine Gitarre (bis die nächste kommt) und wenn Sie nicht willig ist, dann geht's halt mit Gewalt oder Vibrato.

Und dem Mann/Frau sei diese Einschätzung auch zugestanden. Wer sein Instrument auch lange genug traktiert hat, wird um die Schwächen wissen. Außerdem sind die anderen Parameter, wie Bespielbarkeitetc. letztendlich genauso wichtig.

Und trotzdem: Nicht jeder ist sich seiner Einschätzung so sicher. So kann diese ansatzweise Objektivierung des Höreindruckes, auch wenn Sie mit einfachen Mitteln durchgeführt wurde, viele Höreindrückebestätigen und Sie können beim nächsten Spiel die von der Gitarre unterstützte Tonbildungbesser ausnützen.

Ja aber, wie sieht es mit dem Klang aus? Der Klang besteht nicht nur aus Lautstärke und Sustain. Er ist ein Frequenzgemisch, das beim Anschlag eines einzelnen Tones entsteht. Dieser Grundton regt, bedingt durch die Schwingung der Saiten und des Klangkörpers, die Gitarre an, zusätzlich in den jeweils Vielfachen der Grundfrequenz zu schwingen.Erst dadurch ensteht der typische Gitarrensound.Und dieses Spektrum ist bei jedem Ton und bei jeder Gitarre verschieden. Ein weites Feld: Wer seine aufgenommenen Daten durch einen Spektrumanalyserlaufen läßt (z.b."baudline" fürLinux) erhält ein sehr viel genaueres Bild, wie sich der Klang seiner Gitarre zusammensetzt. Aber dies würde diesen Artikel sprengen. Versuchen sollten Sie es aber mal. Es ist richtig spannend.

 

 
 
Hajo Dezelski
 
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